Erläuterungen zu ›Kaff auch Mare Crisium‹

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Der Kommentar besitzt aktuell 430 Einträge. Die letzte Änderung erfolgte am 22. September 2021.

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40.7
Schtarkbehaarte Sassen

Die Bedeutung von »Sasse« ist unklar, die einschlägigen Lexika verzeichnen es sowohl für »Sachse« als auch für »Grundeigentümer«.

40.7
Kerls mit ungeschnobenen Nasn: Flotzmäuler

Meyer:

Flotzmaul (Nasenspiegel) des Rindes, das breite Zwischenstück zwischen den Nasenlöchern, das[ abwärts in die Oberlippe übergeht. Die Haut des Flotzmaules ist haarlos, aber reich an Drüsen und deshalb beim gesunden Rind stets feucht.

40.16
GROTE= und EICHHORN=Kaffee

Namen zweier Kaffee-Röstereien: Ernst Grote AG, Hannover, und Fa. Ferdinand Eichhorn, Braunschweig.

40.24
Bakkalaureus Magister Heißedoktorgar

Bakkalaureus ist der niedrigste akademische Grad; die Stelle selbst eine Anspielung auf Goethes ›Faust I‹:

Heiße Magister, heiße Doktor gar

41.18
Rumpf & Erinnerunk werden Einem leicht zur Last

Am 13. Juli 1957 notierte Arno Schmidt in seinem Tagebuch:

Rumpf & Erinnerung werden einem zur Last!

41.30
Immer fleißichfleißich, Herr Pineis

Zitat des Schlusses von Gottfried Kellers Novelle ›Spiegel, das Kätzchen‹:

Herr Pineiß aber führte von nun an ein erbärmliches Leben; seine Gattin hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihm nicht die geringste Freiheit und Erholung gestattet, er mußte hexen vom Morgen bis zum Abend, was das Zeug halten wollte, und wenn Spiegel vorüberging und es sah, sagte er freundlich: »Immer fleißig, fleißig, Herr Pineiß?«

42.33
Und an dem zweiten wär’ schon ma n ‹Tückebote› gesehen worden: früher

Norddeutsche Bezeichnung für ein Irrlicht.

43.6
Geboren am Tage der Schlacht von Bannockburn

Die Schlacht von Bannockburn war eine der entscheidenden Schlachten in den schottischen Unabhängigkeitskriegen und fand am 24. Juni 1314 statt.

43.10
»Wenn Du sie ärgern wills,« verriet ich noch, »mußtu sie ‹Adelaïde› nenn’.«

Evtl. Anspielung auf ›Adélaïde‹ von Gobineau; s. dazu: Ira Lorf, ›Adélaïde, oder: Nomen est omen‹ in BB Lfg. 107–108.

43.13
Anny Wothe, oder Panhuys

Anny Wothe-Mahn (1858–1917) und Anny Panhuys (1879 – nach 1941) waren Autorinnen zahlreicher Romane, Erzählungen und Novellen. Zu Panhuys s.a. S. 210.25.

44.11
ich bin ja, seit ich mit 15 Jahren Sir Jaghadis Chandra Bose las, ooch gegen diese Herren Vegetarier

Jagadish Chandra Bose (1858–1937) war ein indischer Naturwissenschaftler; vgl. a. ›Der sanfte Unmensch‹ (BA II, 2, S. 74):

Und ich möchte bei dieser Gelegenheit, einmal ausdrücklich die Herren Vegetarier daran erinnern, wie einer ihrer Vormänner, Bernard Shaw, so abgesägt=unglücklich dreinschaute, als Sir Jagadis Chandra Bose ihm experimentell vorführte, wie sich sein geliebtes Gemüse qualvoll krümme, und unter heftigen Konvulsionen sterbe, wenn es von ihm zu Tode gebrüht werde!

Vgl. dazu auch ›Zettel’s Traum‹ (BA IV, 1, S. 313 f.)

44.31
Hertha war geräuschempfindlich; mindestens wie Leisewitz

In ›Der Dichter und die Kritik‹ (BA III, 3, S. 339) schreibt Schmidt:

Zugegeben; Johann Anton Leisewitz war ein komischer Kauz. Von unglaublich nervöser Reizbarkeit: als 1780 sein Herzog Karl von Braunschweig begraben wurde, flüchtete er vor dem Schießen der Soldaten; als er ein andermal in ein Dorf gehen wollte, und am Ortseingang von einer Schaar Hunde angebellt wurde, kehrte er um.

45.16
‹Und immer fragt der Seufzer: Wo ?› ‹Schmidt von Lübeck›

Anspielung auf ›Des Fremdlings Abendlied‹ von Georg Philipp Schmidt (genannt »Schmidt von Lübeck«), von Franz Schubert als ›Der Wanderer‹ vertont. In ›Fouqué und einige seiner Zeitgenossen‹ zitiert Fouqué diese Zeile, Schmidt gibt in der Fußnote die Quelle an (BA III, 1, S. 267 f.):

Die oben […] angeführte Verszeile stammt übrigens aus einem Gedicht des Georg Schmidt (genannt ‹von Lübeck›; 1766–1849): »Ich wandle still, bin wenig froh, / und immer fragt der Seufzer : ‹Wo?› / Im Geisterhauch tönt’s mir zurück : / ‹Dort, wo Du nicht bist, ist das Glück!› –«.

45.16
‹Komet=komet, wir sehn Dich wallen›

Anspielung auf Fouqués ›Zauberring‹:

Jetzt tönt ein freud’ger Sang von Allen,
Steigt zuversichtlich himmelwärts;
Panier, Panier, wir sehen dich wallen,
Bist König Richard Löwenherz!

47.16
‹Haine à la Royauté›

»Hass auf die Regierung«; während der französischen Revolution oft benutzte Formulierung.

47.38
Ne pouvant me corrompre, ils m’ont assassiné

»Sie konnten mich nicht korrumpieren, sie haben mich getötet.« Der Satz stand unter dem Gemälde ›Der Tod des Marat‹ von Jacques-Louis David.

47.40
und weiter ging der helleborose Farrago

»Helleborus« ist der lateinische Name für »Nieswurz«, »farrago« ist englisch für »Durcheinander / Mischmach«; vgl. auch S. 96.21:

»Was hasdu heut Nachmittag eigntlich mit dem ‹helleborosn Farrago› gemeent?«; Hertha; tiefsinnich.: »Einen ‹nieswurzwürdijen Mischmasch›.«

48.15
‹Schpalterflagge› ? : »[…] Hammersichelährenkranz […].«

Die Fahne der DDR wurde in den fünfziger Jahren in der BRD als »Spalterflagge« bezeichnet. Sie zeigt allerdings Hammer, Zirkel und Ährenkranz.

48.18
Die Teretismata eines Bischofs über ‹Obrichkeit› : Dibelius soll sein Name sein

Der ev. Bischof Otto Dibelius (1880–1967) war Befürworter der Wiederbewaffnung und unterzeichnete 1956 den Militärseelsorgevertrag. Seine Schrift ›Obrigkeit? Eine Frage an den 60jährigen Landesbischof‹ ist im Internet verfügbar.

Am 20. Januar 1959 bittet Schmidt Wollschläger um eine Auskunft zu Heinrich Dittmar, einem Redakteur der ›Neuen Ruhr Zeitung‹. Wollschläger antwortet am 5. Februar (BHW, S. 108):

Ja, und fromm ist er auch noch: wie es der Presse wieder einmal ziemt: wenn man seinen Ausführungen glauben darf, so ist es sein höchster Wunsch auf dieser Erde, Sie einmal mit dem Bischof Dibelius (einem ordentlichen Mann, ohne Zweifel) zu konfrontieren, auf daß er Sie bekehre!

Das Wort »Teretismata« (gr. Kunstwort für unsinniges, sinnloses Gerede) hat Schmidt vermutlich in Herders ›Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft‹ gefunden, der Aristoteles zitiert (Hinweis von Günter Jürgensmeier; lt. Tagebuch las Schmidt die ›Metakritik‹ am 17. November 1959, also während der Arbeit an ›Kaff‹):

Blendwerke hingegen, Noumenen als Dinge an sich gedacht, Anticipationen des Verstandes vor aller Erfahrung, dieß sind »Gedankendinger,« die Aristoteles schon τερετισματα [teretismata], d.i. Cikadengezwitscher nannte.

48.19
Ein Blatt wie Fauchet’s ‹EISENMUND› fehlt uns

Gemeint ist das von François-Claude Fauchet begründete demokratische Journal ›Bulletin de la Bouche de fer‹ (1790–1791).

48.20
Obwohl die ANDERE ZEITUNG in ihrer Art gar nicht schlecht ist.

›Die Andere Zeitung‹ war eine linke Wochenzeitung, die von 1955 bis 1969 in Hamburg erschien. Von 1956 bis 1962 schrieb Schmidt rund 20 Beiträge für das Blatt.

48.22
Lambe mihi!

Latein: »Leck mich!«

48.25
daß sich ein Mann, wie der Gerhard Eisler da=hinschtellen, und es auf gut=Deutsch gelassen ausschprechen kann : daß unser Herr Bundeskanzler Dies & Das wäre

Der Journalist und SED-Politiker Gerhad Eisler (1897–1968) war von 1956 bis 1962 stellvertrender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Rundfunk und moderierte im Radio das ›Sonntagsgespräch des Deutschlandsenders‹.

48.46
ich hör’ jeden Abmd mein Leipzich=lob=ich=mir!

Anspielung auf Goethes ›Faust I‹, Auerbachs Keller, Vers 2171 f.:

Frosch.
Wahrhaftig du hast Recht! Mein Leipzig lob’ ich mir!
Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.

49.1
Schon mehrfach gedachte die Dummheit, sich als unangreifbar zu konstituieren

S. Kommentar zu S. 35.14.

49.2
‹bundeseigene Sender›

Konrad Adenauer versuchte Ende der 50er-Jahre ein vom Bund kontrolliertes zweites bundesweites Fernsehprogramm zu etablieren, das von einer »Deutschland-Fernsehen GmbH« getragen werden sollte. Die Gründung einer solchen GmbH wurde erst vom Bundesverfassungsgericht am 28. Februar 1961 als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar verworfen.

49.3
Und der schpanische Außenminister Castiella wurde in Bonn fêtiert

Der spanische Politiker Fernando María Castiella y Maíz (1907–1976) war von 1957–1969 spanischer Außenminister, 1958 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, im November 1959 war er zu Besuch in Deutschland, es kam zu Protestaktionen, für die sich die dt. Regierung entschuldigte.

49.24
Und der russische LUNIK III kreiste indes unermüdlich

Russische Mondsonde, die am 4. Oktober 1959 gestartet wurde. Nach einer Mondumrundung verglühte sie im April 1960 in der Erdatmosphäre, kreiste also mitnichten »unermüdlich« (was Schmidt bei der Abfassung des Romans allerdings nicht wissen konnte). Die Sonde lieferte die ersten Fotos von der erdabgewandten Seite des Mondes; vgl. auch S. 12:

»Mänsch, iss das lankweilich! – Gipp ammall BILD.« / Es enthielt eben die unschätzbare russische Aufnahme von der Mondrückseite […]

Am 18. Oktober 1959 notierte Schmidt in seinem Tagebuch:

Mond rot auf; (die Russen haben Aufnahmen v. d. Rückseite! Heut ~ 17h war der ›Lunik‹ in Erdnähe ~ 48.000 km)

Am 27. Oktober 1959 schrieb Schmidt an Michels (BWM, S. 134):

Heute soll die Tass das erste Foto von der Mond=Rückseite gebracht haben

49.30
»Naja: Wie Benjamin Franklin vom Luftballon sagte: ‹Das Kind ist nun einmal passiert – laßt uns ihm wenichstns eine gute Erziehunk gebm.›«

Am 27. August 1783 ließ Jacques Alexandre César Charles in Paris einen Gasballon aufsteigen. Unter den Zuschauern war auch Benjamin Franklin, der zui der Zeit amerikanischer Botschafter in Frankreich war. Auf die frage, welchen Zweck die neue Erfindung habe, soll er geantwortet haben: »Welchen Zweck hat ein neugeborenes Kind?«