Erläuterungen zu ›Kaff auch Mare Crisium‹

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Der Kommentar besitzt aktuell 428 Einträge. Die letzte Änderung erfolgte am 5. April 2021.

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100.8
»[…] Waltegott,« schloß ich innich (und meinte es auch; was bei mir mit nichten immer der Fall iss): »daß ein Fach=Jemand uns recht bald einmal den Casus im Einzelstänn auseinanderpolkt.«

Gemeint ist hier Hans Wollschläger, der eine umfangreiche Biographie Karl Mays und eine Monographie zu dessen ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ plante, zu denen ihn Schmidt brieflich immer wieder ermuntert.

100.14
n gewisser Lebius hat da allerlei Material zusammengeschleppt

Rudolf Lebius (1868–1946) schrieb ›Die Zeugen Karl May und Klara May‹ (Berlin-Charlottenburg, Spreeverlag 1910), in dem er umfangreiche Auszüge aus Prozessakten, Briefen und Zeitungsartikeln gegen Karl May zusammentrug und kommentierte. Schmidt bekam das Buch (BVZ 481.57) am 10. September 1958 von Hans Wollschläger und hat es lt. Tagebuch in den folgenden Tagen gelesen (BHW, S.72).

100.22
»[…] Opwohl mir« schloß ich mit Nachdruck, »alle diese Literariker verdächtich sind, die 20 und 50 Bände=lank so schreibm, als wüßtn sie den Unterschied zwischen Bubm & Mätchn nich: die habm in ihren Willen garantiert 1 ‹nacktes Zimmer› gehabt!«

Anspielung auf Karl Mays ›Frau Pollmer‹, S. 903:

Das sogenannte ›nackte Zimmer‹ strotzte hiervon. Sie [= Emma Pollmer] selbst hatte der Stube diesen Namen gegeben, weil sie da morgends und abends vollständig entkleidet auf dem Nachtstuhle vor dem Spiegel saß, um in perversester Weise ihre Nothdurft zu verrichten und dabei ihren nackten Körper nach allen Richtungen hin zu bewundern und anzubeten.

100.31
»Doch, Hertha: das giebt es sehr wohl: daß Einer mit der rechten Hand Materialien zu einem DSCHINNISTAN sammelt: ‹Empor ins Reich der Edelmenschen›! – Und mit der Linken ...?«

›Ardistan und Dschinnistan‹ ist ein Spätwerk von Karl May, in dem Ardistan das Reich der »Edelmenschen« ist; ›Empor ins Reich der Edelmenschen!‹ war der Titel von May Vortrag am 22. März 1912 in Wien. – Am 27. März 1960 notierte Schmidt im Entwurf eines Briefes an Hans Wollschläger (in dessen Eigenschaft als Mitarbeiter des Karl-May-Verlags; BHW S. 970):

Es ist schon ein tolles Schauspiel: der Mann, der mit der Rechten ein DSCHINNISTAN hindichtet, ›Empor ins Reich der Edelmenschen‹; und gleichzeitig mit der Linken ein derart makabres Produkt zusammenschmirgelt: ›Hinab ins Reich der Untermenschen‹!

100.40
‹Die Mode wexlt, der Druckknopf bleipt›

Werbespruch der Firma Prym (für vergrößerte Darstellung Bild anklicken, Foto von Janos Frecot):

Prym Druckknöpfe)

101.2
‹Hinab ins Reich der Untermenschen›

Anspielung auf Karl Mays Vortrag ›Empor ins Reich der Edelmenschen!‹, den May kurz vor seinem Tod am 22. März 1912 in Wien hielt, s.a. Kommentar zu 100.31.

101.5
»‹Karl May & Minna Ey? : Die werdn niemals 2!›«

Minna Ey war die unverheiratete Schwester von Pauline Münchmeyer, der Frau von Karl Mays Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer. Schmidt kannte das Verslein aus Rudof Lebius’ Anti-May-Pamphlet ›Die Zeugen Karl May und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit‹, S. 121 f.:

Meine Stellung bei Münchmeyer habe ich nach ungefähr einem Jahre gekündigt, weil man mir durchaus die Minna Ey als Frau aufdrängen wollte und mir eine derartige Kuppelei zuwider war. In der ganzen Umgebung ging dann der Vers »Die Minna Ey und Karl May, die werden niemals zwei.«

Zu Lebius s. S. 100.14

101.6
Und Eine las sich die Filz=Läuse von den fetten Schenkeln : dazu am unverdunkeltn Fenster 4 Arbeiter=Gesichter, (übereinander, wie die Dresdener Schtadtmusikantn), die’s vorgeeplich gesehen hatten

Anspielung auf Karl Mays ›Frau Pollmer‹, S. 808:

Und von der Schwester der Frau Münchmeyer erzählten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen, daß sie sich des Abends vor dem Schlafengehen bei Licht die Filzläuse von den dicken Beinen gelesen habe; man hatte sie von den gegenüberliegenden Fenstern aus beobachtet.

101.9
Und die andere ‹Bestie› steatopygierte mit ihrem Aschyk ins Hotel garni

Als Steatopygie (auch Fettsteiß) bezeichnet maneine Fettablagerung am Steiß. Der Aschyk (= Geliebter) ist in ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ der Geliebte der Köchin Pekala.

101.10
Potz Eustachius von Kent & Gottfried von Monmouth

Auch in ›Vom Iskander zum Alexander‹ (geschrieben vom 6. bis 11. Oktober 1959, also während der Arbeit an ›Kaff‹) nennt Schmidt Eustachius von Kent als eine Quelle seines ›Alexander‹ (BA III, 3, S. 501), allerdings ist in der Alexander-Tradition lediglich ein Thomas von Kent aus dem 12. Jahrhundert zu finden, der den Alexander-Roman ›Roman de toute chevalerie‹ schrieb. – Gottfried von Monmouth (Geoffrey of Monmouth) war ein britischer Geistlicher, Gelehrter und Schriftsteller im 12. Jahrhundert.

101.15
»‹Du siehst aus, wie unser Louis!› –«: während der ernsthaft=alternde Hakawati hinter seinen beiden Frauen herzockelte

»Louis« ist ein Slang-Ausdruck für »Zuhälter«; gemeint ist hier Karl Mays Schilderung eines gemeinsamen Spaziergangs mit seiner damaligen Frau Emma und seiner zukünftigen Frau Klara in ›Frau Pollmer‹, S. 918:

Verwendete Hunderte auf höchst auffallende Promenadenmäntel, die nur von Straßendirnen getragen werden, um die Blicke der Lüsternen auf sich zu ziehen. Das Schlimmste war, daß sie die gute, bescheidene und sehr schamhafte Frau Plöhn zwang, einen dito Mantel zu tragen, und mir, als ich in meinem einfachen Anzuge hinter ihnen herging, vor allen Passanten zurief: »Du siehst aus wie unser Louis!« Mit diesem einen Worte, dem auf der ganzen Erde kein Anderes gleicht, war für mich die Scheidung ausgesprochen […].

Zu »Hakawati« s. 71.26

101.16
es war schon ein dolles Acktn=Schtück; fuffzich Prozent Schtrintberk, fuffzich Assiel Benn Rieh; (dem die Reiterinn, wenn’s ihr zu lank=sam geht, ‹die Hand zwischen die Ohren leekt›: »da bog er sich, und wurde lang & dünn«.

Am 27. Juli 1959 schrieb Arno Schmidt an Hans Wollschläger (BHW, S. 170):

Das Ding [Mays ›Frau Pollmer‹] muß, früher oder später, (möglichst aber früher), in den Druck ! ›Das nackte Zimmer‹: das ist ja ein Titel & Inhalt wie Strindberg ! (›Röda Rümmet‹)

Assil Ben Rih ist bei May der Sohn von Kara Ben Nemsi Pferd Rih; s. a. ›Sitara und der Weg dorthin‹ (BA III, 2, S. 128 f.):

Hier sei nunmehr auf die ‹Geheimnisse› der Herren Pferde hingewiesen; ein ihnen andressiertes Zeichen, auf das hin sie das Letzte hergeben […]. Ich wähle eine beliebige Stelle, sagen wir, Silberlöwe III, 218 ff. : »Indem ich mich weit vorbog, legte ich Assil die Hand zwischen die Ohren und sagte dreimal seinen Namen. Dieses Zeichen war gewählt worden, weil es sehr schwer auszuführen ist. Nur ein Reiter, welcher eines arabischen Renners würdig ist, wird es fertig bringen, im schärfsten Galoppe die Ohren seines Pferdes mit der Hand zu erreichen. Die Wirkung war eine großartige. ... Es ging wie ein Zittern durch seinen ganzen Körper. Dann ließ er ein tiefes schnaubendes Stöhnen hören, ein Stöhnen dankbarer Willensfreudigkeit.« (»Da bog er sich, und wurde lang & dünn« heißt es an anderer Stelle).

Die »andere Stelle« lässt sich bei May in der von Schmidt zitierten Form nicht nachweisen, es findet sich (in ›Durchs wilde Kurdistan‹ lediglich:

Ich legte ihm die Hand zwischen die Ohren. »Rih – –!« Da bog er sich lang und flog dahin, als sei er von einer Sehne geschnellt.

101.23
‹Zieh nich an den rein, Mainsohn. Ich rate Dir gut.›

Anspielung auf Karl Simrocks Gedicht ›Warnung vor dem Rhein‹:

An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut:
Da geht dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht dir zu freudig der Mut.

101.28
‹Oknos der Seilflechter›

Aufsatz von Johann Jakob Bachofen zur mythologischen Figur des Oknos, der im Hades auf ewig ein Seil flechten musste, das von einer Eselin aufgefressen wurde. Zu Lebzeiten soll Oknos ein fleißiger Mann gewesen sein, dessen Hab und Gut von seiner leichtlebigen Frau verschwendet wurde. Schmidt besaß eine dreibändige Werkauswahl Bachofens (BVZ 761).

102.20
das Alltägliche issd so klaa noch nichd, wie jene Herrn uns glaubm machn wolln : ja nich hallp so klaa

Vgl. auch ›Die 10 Kammern des Blaubart‹ (August 1961; BA III, 4, S. 114):

Das ‹Alltägliche› ist noch nicht halb so klar, wie man sich einzubilden pflegt; und das Außerordentliche eigentlich nur eine Erfindung der Journalisten, die der Dichter verschmähen sollte.

Und ›Die Großhauswelten‹ (Juli 1962; BA III, 4, S. 230):

Das ‹Alltägliche› ist noch längst nicht so klar, wie man meint, ja, noch nicht einmal halb so klar; (und das ‹Außerordentliche› überlasse man den Reportern).

103.1
neulich s=tand da in den ein’ Buch doch in, wie 2 Ehepartner einanner, auch von Gesichd, immer ähnlicher wurdn

Anspielung auf Justinus Kerners Roman ›Die Reiseschatten. Von dem Schattenspieler Luchs‹:

Auch fiel mir die Beobachtung ein, daß Eheleute, die lange miteinander leben, endlich einander auch ganz im Gesichte ähnlich werden wie alte, treue Bediente ihren Herren.

103.6
»Zankt Euch bloß so viel Ihr könnt : Säbs=tändichkeit!« / Potz Xerxes und Artaxerxes!

Der persische König Xerxes I. (um 519 bis 465 v. u. Z.) wurde von seinem Gardebefehlshaber Artabanos ermordet, der den Verdacht auf Dareios, den ältesten Sohn des Xerxes’, lenkte. Dareios wurde von seinem Bruder Artaxerxes (gest. 424 v. u. Z.) ermodet, der die Nachfolge des Xerxes’ antrat.

103.32
Er hat mier da ma was vor=geleesn; von ner gewissn ‹ANNA LIEWJAH› – och so vor 15 Jaan

›Anna Livia Purabelle‹ ist ein Kapitel aus ›Finnegans Wake‹ (1939) von James Joyce. ›Kaff‹ spielt am 28./29. Oktober 1959 (vgl. BA I, 3, S. 91 u. 543), »so vor 15 Jaan« wäre also um 1944 – ein Jahr, in dem Karl Richter wohl kaum an ›Finnegans Wake‹ gelangt sein konnte.

104.2
‹Âne mâßn schoene bumms: so waß irr eddel Lieb›

Zitat aus dem ›Nibelungenlied‹ (1. Aventiure, 3. Strophe). Das »bumms« erklärt sich nach einem Blick in das ›Steinerne Herz‹ (BA I, 2, S. 100):

Neue Theorie der Nibelungenstrofe: ich wies nach, daß nach jeder der drei ersten Halbzeilen der Sänger begleitend die Saiten gerissen haben mußte:

»Uns ist in alten maeren: Bums!
wunders vil geseit;
von helleden lobbebaeren: Bums!
von großer arebeit.
Von Freuden, hochgezieten: Bums!
von weinen unde klaggen; –
von (kuoner) recken strieten=mugget=irr:
nu wunder hoeren saggen.«

104.4
Potz Crab=Nebel & Super=Nowwah

Der Krebsnebel (Crabb Nebula, Krabbennebel) wurde 1731 von John Bevis entdeckt und ist der Überrest einer Supernova, die 1054 beobachtet wurde.

104.13
Tanndte Heete war da gans anders. Die leegte den dicken Kopf – ‹DIE HERRIN MIT DEM DICKEN KOPFE› – leicht schräk.

Der »Herr mit dem dicken Kopf« ist in Mays Orienterzählungen ein Synonym für »Löwe«; vgl. auch ›Sitara und der Weg dorthin‹ (1962/63) BA III, 2, S. 151 und 178.

108.22
‹Baumannshöhlen›

Die Baumannshöhle im Landkreis Harz gilt als die älteste touristisch genutzte Höhle Deutschlands.

108.26
Welteishändler

Die »Welteislehre« ist ein kosmologischer Entwurf von Hanns Hörbiger, der postuliert, dass die meisten Himmelskörber aus Eis oder Metall bestehen. Die Erde bildet dabei die einzige Ausnahme in unserem Sonnensystem. Die Welteislehre war besonders im Nationalsozialismus populär.

109.28
Silberschlack war nicht umsonst Oberbaurat des ‹Soldatn=Könichs›

Den Beinamen »Soldatenkönig« trug Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 König von Preußen war. Johann Esaias Silberschlag (1721–1791) wurde erst dreißig Jahre später, 1770, zum Geheimen Baurat und 1787 zum Oberbaurat ernannt. Er war also nicht Oberbaurat unter dem »Soldatn=Könich«, sondern Baurat unter Friedrich II. Oberbaurat konnter er unter diesem auch nicht sein, da Friedrich II. 1786 – und damit ein Jahr vor Silberschlags Ernennung – starb.

109.32
Kupferschtichblätter

Im BB 263–264 findet sich auf S. 26 ein verkleinerter Abdruck der Blätter, die Karl Richter auf den folgenden Seiten zur Erläuterung heranzieht.